Religion und Vernunft – Dan Brown: Illuminati
Juni 8, 2008
Jetzt hab ich das Buch also auch gelesen, dessen Nachfolger so polarisierte Reaktionen hervorgerufen hat.
Angeblich geht es um den Konflikt von wissenschaftlichem Denken und christlichem Glauben. Besser gesagt, aber das ist meine Sprachregelung, geht es um den Konflikt von Glaubensgebäuden des Wissenschaftsbetriebs und der Kirche. Das Buch reißt dieses Thema inhaltlich anfangs an. Danach handelt es sich um die reißerische Beschreibung der sehr konstruierten Vorkommnisse einer Nacht und der Glaubensüberzeugung der Menschen, die in dieser Nacht aufeinanderprallen. Ein Thriller wie viele also, der die Chance verschenkt, mit seinen Mitteln die Aufmerksamkeit der Leser darauf zu lenken, dass es diese Auseinandersetzung zwischen Fundamentalisten (»Atheisten«, evangelikalen Christen, »Agnostikern«, Islamisten, …) ja durchaus gibt.
Diese Auseinandersetzung erscheint im Alltag viel unspektakulärer. Da geht es zum Beispiel um die Frage, ob bei meiner Tochter in der Schule die Evolution auf dem Lehrplan stehen darf. Diese alberne Diskussion ist aus den USA zu uns rübergeschwappt, heißt es. Wenn sich die Creationisten durchsetzen und tatsächlich das fruchtbare Nebeneinander des Naturwissenschaften- und Religionsunterrichts durch eine aggressive Konkurrenz und Bevorzugung des letzteren ersetzt würde, …
Gott beweisen. Was für eine alberne Vorstellung. Wozu? Wem muss Gott bewiesen werden? Soll doch jeder auf seinem geistigen Auge blind sein, der mag, und sich auf die rein rationale Weltsicht beschränken. Weder müssen sich hier Lager bekämpfen noch muss sich hier eins dem anderen anbiedern, sich von ihm einverleiben lassen, Bedingungen erfüllen. Religion und Wissenschaft sind nahe Verwandte, aber viele wollen das nicht wahrhaben und blenden das Geschwister aus oder bekämpfen es sogar.
Ich hab Sympathien für Kohler. So eine Ignoranz hab ich von der evangelischen Kirche nicht erlebt, trotzdem bin ich von ihr enttäuscht und kann mich in ihn hineinversetzen. Aber keine Kirche schafft es, mir meine persönliche Religiosität auszutreiben oder zu definieren, wie diese auszusehen hat. Im Gegenteil, je mehr ich mich mit Religion beschäftige, desto klarer wird mir, wie wenig heutige Kirchenbetriebe mit Religion zu tun haben, mit der Suche nach Gott. Mit Kirchenbetrieben meine ich die Institutionen aller so genannten Welt-Religionsgemeinschaften, nicht nur die christlichen Kirchen.
Der Zölibat. Auf was für einer Ebene wird er abgehandelt, welche eine Diskussion lohnende Aspekte bleiben da ohne auch nur eine Andeutung.
Viele interessante Diskussionsthemen. Und ein so oberflächliches, reißerisches Buch. Ein Buch wie ein Hollywood-Film.
»Das Evangelium nach Pilatus«: eine Enttäuschung
Mai 25, 2008
Wir Menschen neigen zu Vereinfachungen. Schwarz-weiß, wie wir meist gestrickt sind, machen wir Gegensatzpaare auf: Glaube oder Vernunft (Wunderillusion oder Wissenschaftsillusion), rechts oder links, Wärme oder Kälte, Vertrauen oder Misstrauen, wahlweise das eine gut und das andere böse. Die Nachrichten- und Unterhaltungsmedien, zu deren Handwerkszeug die Vereinfachung selbstverständlich dazu gehört, tragen das Ihre dazu bei wie schon die staatliche und kirchliche Propaganda.
Von einem Roman erwarte ich normalerweise etwas Anderes. Natürlich haben die Glaubensbastionen ihre Verlage, im Springer-Verlag (nicht Axel) gibt es wohl Romane gar nicht erst, und von Herder und Consorten erwarte ich von vornherein eine Darstellung durch die Brille des Gläubigen. Diesmal aber ließ mich meine 40-jährige Erfahrung als Leser im Stich, vielleicht aber auch, weil mir der Amman-Verlag und Eric-Emmanuel Schmitt als Autor so gut wie nicht bekannt waren. Ich erwartete einen Roman, mit Tiefen, Details, Fragen, differenzierten Ausleuchtungen der Wirklichkeit. Er kommt auch in diesem Gewand daher. Letztlich aber ist Das Evangelium nach Pilatus von Eric-Emmanuel Schmitt doch nicht mehr als ein frommes Buch.
Selbst das, was die Bibel ohne historisch-kritischen Filter betrachtet an angeblichen Details von Lehre und Wirken Jesu bringt, wird nur angerissen. Der Autor wählt aus, dafür ist er da, aber nicht, um den Blick des Lesers auf ein für wichtig gehaltenes Element des »Lebenswerks« oder der Aktivität Jesu zu konzentrieren. Es entsteht kein Bild des Nazareners Jeschua (aramäische Namensform zu »Jesus«). Jeschua bleibt bewusst unscharf. Wichtig ist dem Autor: Jesus glaubt irgendwann von sich selbst, ein Gott und der verheißene Messias zu sein, und zwar ganz so, wie es die direkte wörtliche Übernahme biblisch-christlicher Mythen in die herkömmliche Lehre der Kirche vorsieht. Wohl gemerkt, die herkömmliche – in vielen Gemeindehäusern werden andere Kindergottesdienste und in vielen Schulen wird ein anderer Religionsunterricht gemacht, als Herr Schmitt ihn machen würde. Dieser einfache Wunderglaube ist ohne Inhalt: Vergebung: nicht gefüllt, Reich Gottes: übersetzt als transzendentes Reich, die Nächstenliebe wird als aggressive Waffe dargestellt, vor der die bloße Gewalt und Macht angeblich zurückweicht, … Die Auferstehung (als Wunder ohne inhaltliche Aussage) hat als irrationales Element geglaubt zu werden, Pilatus’ Herangehensweise und Erklärungsmuster stehen für den rationalen Zweifel, und am Ende des Buches ist Pilatus ein Gläubiger.
Um Pilatus’ Bekehrung in diesem evangelikalen Sinn kreist der zweite, eigentliche Teil des Buches. Der äußere Aufbau des Romans ist ein Spiegel dieser frommen Themen- und Aussagebeschränkung: Im ersten, deutlich kürzeren Teil, erzählt Jeschua im Zeitraffer sein Leben. Anfangs noch vorhandene Andeutungen von inhaltlicher Auseinandersetzung werden hier schon zurückgedrängt zugunsten der alles entscheidenden Frage: Bin ich der Messias oder nicht? Der zweite Teil ist ein Briefroman, Pilatus schreibt an seinen Bruder Titus. Mit der Wahl der Briefform umgeht Schmitt vielleicht unbewusst sein größtes erzählerisches Manko: Er tut sich schwer damit, Gefühle, verarbeitete Erfahrung, Gedanken seiner Romanfiguren durch Handlung, Gesten, Mimik, Sprachgesten auszudrücken. Im Brief ist es natürlicher, Empfindungen, Gedanken und Gefühle expressis verbis zu zeigen.
Ich kenne Eric-Emmanuel Schmitt wie gesagt kaum, es ist also durchaus möglich, dass andere Bücher in handwerklicher oder inhaltlicher Hinsicht besser gelungen sind. Zum Evangelium nach Pilatus ist mein Urteil dies: Ein erbauliches Buch im modernen, aufklärerischen Gewand, das nicht in das Romane-Regal gehört, sondern in die Abteilung mit den christlichen Spruchkärtchen umziehen sollte.
»Galopp ins Glück« kriegt vielleicht die Goldene Träne
März 24, 2008
Ein Buch mit diesem Titel würde mich normalerweise nicht interessieren. Das klingt mir zu sehr nach Groschenroman. Nun gibt es das von Rita Mae Brown, die intelligente Unterhaltung schreibt. Der Originaltitel: Riding Thunderstorm. Nach dem Lesen des Buchs wusste ich, welcher Titel am besten passt, der originale.
Was treibt deutschsprachige Verlage dazu, derartiges Schindluder mit Büchern zu treiben? Anscheinend verkaufen sich Bücher mit schnulzigen Titeln besser. Und anscheinend ist es egal, ob das Buch hinterher auch gelesen wird. Die Verkaufsmasse macht’s, und anscheinend fühlt sich von den verarschten Lesern keiner verprellt, vielleicht sollte das Buch ohnehin nicht gelesen werden, sondern im Regal im eigenen oder fremden Zuhause vergammeln.
Weitere Beispiele:
The Last Anniversary wird zu Ein Geschenk des Himmels,
Definitely dead wird zu Ball der Vampire,
In Her Day zu Goldene Zeiten.
Galopp ins Glück ist mein derzeitiger Favorit. Aber das kann sich ändern. Schreibt mir eure Favoriten. Wenn sich ein bisschen was sammelt, mache ich eine Umfrage. Für den Gewinner suche ich eine Goldene Träne, als Bild, verleihe sie dem betroffenen Verlagshaus hier im Blog, und schicke auch eine e-mail an den Verlag. Lust?