Wir Menschen neigen zu Vereinfachungen. Schwarz-weiß, wie wir meist gestrickt sind, machen wir Gegensatzpaare auf: Glaube oder Vernunft (Wunderillusion oder Wissenschaftsillusion), rechts oder links, Wärme oder Kälte, Vertrauen oder Misstrauen, wahlweise das eine gut und das andere böse. Die Nachrichten- und Unterhaltungsmedien, zu deren Handwerkszeug die Vereinfachung selbstverständlich dazu gehört, tragen das Ihre dazu bei wie schon die staatliche und kirchliche Propaganda.
   Von einem Roman erwarte ich normalerweise etwas Anderes. Natürlich haben die Glaubensbastionen ihre Verlage, im Springer-Verlag (nicht Axel) gibt es wohl Romane gar nicht erst, und von Herder und Consorten erwarte ich von vornherein eine Darstellung durch die Brille des Gläubigen. Diesmal aber ließ mich meine 40-jährige Erfahrung als Leser im Stich, vielleicht aber auch, weil mir der Amman-Verlag und Eric-Emmanuel Schmitt als Autor so gut wie nicht bekannt waren. Ich erwartete einen Roman, mit Tiefen, Details, Fragen, differenzierten Ausleuchtungen der Wirklichkeit. Er kommt auch in diesem Gewand daher. Letztlich aber ist Das Evangelium nach Pilatus von Eric-Emmanuel Schmitt doch nicht mehr als ein frommes Buch.
   Selbst das, was die Bibel ohne historisch-kritischen Filter betrachtet an angeblichen Details von Lehre und Wirken Jesu bringt, wird nur angerissen. Der Autor wählt aus, dafür ist er da, aber nicht, um den Blick des Lesers auf ein für wichtig gehaltenes Element des »Lebenswerks« oder der Aktivität Jesu zu konzentrieren. Es entsteht kein Bild des Nazareners Jeschua (aramäische Namensform zu »Jesus«). Jeschua bleibt bewusst unscharf. Wichtig ist dem Autor: Jesus glaubt irgendwann von sich selbst, ein Gott und der verheißene Messias zu sein, und zwar ganz so, wie es die direkte wörtliche Übernahme biblisch-christlicher Mythen in die herkömmliche Lehre der Kirche vorsieht. Wohl gemerkt, die herkömmliche – in vielen Gemeindehäusern werden andere Kindergottesdienste und in vielen Schulen wird ein anderer Religionsunterricht gemacht, als Herr Schmitt ihn machen würde. Dieser einfache Wunderglaube ist ohne Inhalt: Vergebung: nicht gefüllt, Reich Gottes: übersetzt als transzendentes Reich, die Nächstenliebe wird als aggressive Waffe dargestellt, vor der die bloße Gewalt und Macht angeblich zurückweicht, … Die Auferstehung (als Wunder ohne inhaltliche Aussage) hat als irrationales Element geglaubt zu werden, Pilatus’ Herangehensweise und Erklärungsmuster stehen für den rationalen Zweifel, und am Ende des Buches ist Pilatus ein Gläubiger.
   Um Pilatus’ Bekehrung in diesem evangelikalen Sinn kreist der zweite, eigentliche Teil des Buches. Der äußere Aufbau des Romans ist ein Spiegel dieser frommen Themen- und Aussagebeschränkung: Im ersten, deutlich kürzeren Teil, erzählt Jeschua im Zeitraffer sein Leben. Anfangs noch vorhandene Andeutungen von inhaltlicher Auseinandersetzung werden hier schon zurückgedrängt zugunsten der alles entscheidenden Frage: Bin ich der Messias oder nicht? Der zweite Teil ist ein Briefroman, Pilatus schreibt an seinen Bruder Titus. Mit der Wahl der Briefform umgeht Schmitt vielleicht unbewusst sein größtes erzählerisches Manko: Er tut sich schwer damit, Gefühle, verarbeitete Erfahrung, Gedanken seiner Romanfiguren durch Handlung, Gesten, Mimik, Sprachgesten auszudrücken. Im Brief ist es natürlicher, Empfindungen, Gedanken und Gefühle expressis verbis zu zeigen.
   Ich kenne Eric-Emmanuel Schmitt wie gesagt kaum, es ist also durchaus möglich, dass andere Bücher in handwerklicher oder inhaltlicher Hinsicht besser gelungen sind. Zum Evangelium nach Pilatus ist mein Urteil dies: Ein erbauliches Buch im modernen, aufklärerischen Gewand, das nicht in das Romane-Regal gehört, sondern in die Abteilung mit den christlichen Spruchkärtchen umziehen sollte.

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